Trauma verstehen-Wenn Sicherheit früh gefehlt hat
- 6. Jan.
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Manche Menschen können sich erinnern, dass sie schon als Kinder sehr aufmerksam waren. Sie spürten Stimmungen, passten sich an, hielten inne, bevor sie etwas sagten. Ruhe war kein selbstverständlicher Zustand, sondern etwas, das aktiv hergestellt werden musste. Der Körper lernte früh: Ich muss wachsam sein.
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch heute noch. Sie reagieren schnell, sind innerlich angespannt oder merken erst spät, dass Sie eigentlich erschöpft sind. Nähe kann sich gleichzeitig wünschenswert und bedrohlich anfühlen. Entspannung wirkt ungewohnt – manchmal sogar unangenehm.
Viele Betroffene beschreiben kein einzelnes schlimmes Ereignis, sondern ein dauerhaftes inneres Muster.
Ein Gefühl von „immer bereit sein“, von Verantwortung, von innerer Vorsicht. Oft kommen Gedanken hinzu wie: Ich bin zu empfindlich. Andere hatten es schlimmer. Das eigene Erleben wird relativiert – und gleichzeitig bleibt der Körper in Alarmbereitschaft.
In der therapeutischen Arbeit sprechen wir hier von Trauma – und häufig genauer von Entwicklungs- oder Bindungstrauma. Damit sind Erfahrungen gemeint, bei denen grundlegende Bedürfnisse nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Schutz oder emotionaler Resonanz über längere Zeit nicht ausreichend erfüllt wurden. Nicht durch Gewalt im klassischen Sinn, sondern oft durch Überforderung, emotionale Abwesenheit, wechselnde Bezugspersonen oder fehlende Orientierung.
Trauma entsteht dabei nicht durch das, was objektiv passiert ist, sondern durch das, was innerlich nicht gehalten werden konnte.
Aus systemischer und traumasensibler Sicht sind die daraus entstehenden Reaktionen keine Störung, sondern ein Schutzmechanismus. Das Nervensystem hat gelernt, sich selbst zu regulieren – durch Wachsamkeit, Anpassung, Rückzug oder Kontrolle. Diese Strategien waren notwendig, um Beziehung aufrechtzuerhalten oder emotional zu überleben. Auch hier gilt: Dieses Verhalten hatte einen guten Grund.
Wenn solche frühen Erfahrungen unbewusst weiterwirken, zeigen sie sich oft im Erwachsenenleben: in Beziehungen, in der Selbstwahrnehmung, im Umgang mit Nähe und Distanz. Manche Menschen fühlen sich schnell verantwortlich, andere ziehen sich innerlich zurück. Gefühle können überwältigend wirken oder kaum spürbar sein. Entscheidungen kosten viel Kraft, weil innere Sicherheit fehlt.
Nicht, weil etwas „nicht stimmt“ – sondern weil alte Schutzmechanismen weiter aktiv sind.
Therapeutische Begleitung kann helfen, diese Zusammenhänge behutsam und ohne Überforderung zu verstehen. Im Mittelpunkt steht nicht das Erinnern oder Wiedererleben, sondern Stabilisierung, Orientierung und das langsame Erleben von Sicherheit im Hier und Jetzt. Der Körper darf lernen, dass heutige Beziehungen andere Bedingungen haben als früher.
Systemische Therapie bezieht dabei nicht nur das individuelle Erleben ein, sondern auch Bindungserfahrungen, Beziehungsmuster und innere Loyalitäten. Trauma wird nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit dem gesamten Lebens- und Beziehungssystem.
Viele Menschen erleben diesen Prozess als leise Veränderung. Nicht als Durchbruch, sondern als allmähiges Ankommen. Mehr innere Ruhe, mehr Wahlfreiheit, mehr Mitgefühl mit sich selbst. Und manchmal zum ersten Mal das Gefühl: Ich muss nicht mehr ständig aufpassen.
Trauma bedeutet nicht, für immer geprägt zu sein. Es bedeutet, dass der Körper gelernt hat, unter schwierigen Bedingungen zu schützen. Und dass er – mit Zeit, Beziehung und Sicherheit – auch wieder lernen darf, loszulassen.



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